Unsere Geschichte

Chances for Nature geht auf die Initiative von Göttinger Studenten und Mitarbeitern des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen zurück. Seit der Gründung im Jahre 2011 betreut Chances for Nature mittlerweile Natur- und Artenschutzprojekte Projekte in vier Ländern. Angefangen hat alles mit der Begegnung mit einem gewissen Batman im peruanischen Amazonasgebiet.

September 2011, Peru. Vier ehemalige Doktoranden des Deutschen Primatenzentrums finden sich im Anschluss eines Symposiums zur Primatologie in Peru zusammen, um eine lang geplante Expedition tief in das peruanische Amazonasbecken zu beginnen. Dirk Meyer, Christian Matauschek, Mojca Stojan-Dolar und Yvan Lledo-Ferrer wollen fünf Wochen das Amazonasbecken in der Provinz Loreto erkunden. Das Ziel der Expedition: ein Gebiet für ein ausgedehntes wissenschaftliches Projekt ausfindig machen. Denn, das Amazonasbecken beherbergt in etwa ein Viertel aller weltweit bekannten Tier- und Pflanzenarten und immer wieder kommen neue hinzu. Über die Biologie vieler beschriebener Arten am Amazonas weiß man außerdem noch immer sehr wenig.

Karrte vom Projektgebiet in Peru

Karte des Projektgebiets in Peru

Startpunkt der Expedition war die weitgehend isolierte Dschungelstadt Iquitos, die nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichen ist. Die nahende Regenzeit deutete sich bereits durch drückende, feuchte Hitze an, Temperaturen um 40 Grad waren an der Tagesordnung. Nachdem die ersten Einkäufe, wie Kochgeräte und Plastikplanen, sowie das Mieten eines Bootes zügig getätigt wurden, konnte es endlich losgehen. Wir wollten zunächst samt unserer Ausrüstung auf einem großen Amazonasdampfer bequem in Hängematten baumelnd über Nacht zum eigentlichen Startpunkt der Expedition nach Requena fahren. Bei Requena mündet der Rio Tapiche in den Ucayali, der später zum Amazonas wird. Eine alte Daumenregel besagt, dass Expeditionen stets sorgfältig geplant sind, jedoch in der Regel grundsätzlich anders verlaufen als es angedacht war. Wir staunten nicht schlecht, als eine kleine Gruppe von Männern versuchte, unseren 15 Meter langen, massiven Holzkahn aus dem Wasser zu hieven, um ihn an der Bordwand zu befestigen. Einen funktionierenden Flaschenzug schien es nicht zu geben. Dies wollte logischerweise nicht recht gelingen und nachdem nunmehr über eine halbe Stunde vergangen war, kündigte der Kapitän das Ablegen des Dampfers mit lautem Gehupe an und startete die Motoren. Geistesgegenwärtig hüpfte unser Assistent Manuel über Bord, um unser Mietfahrzeug nicht seinem eigenen Schicksal zu überlassen.

Da waren wir nun unterwegs: ohne Assistent und ohne Boot. Eine weitere Daumenregel besagt, dass sich derartige Probleme von selbst lösen, so auch in unserem Fall. Nach etwa vier Stunden hielt der Dampfer plötzlich zur Verwunderung aller Passagiere mitten auf dem Amazonas für einige Minuten an. Piraten? Motorschaden? Nein, denn kurz darauf stand Manuel mit breitem Grinsen wieder vor uns. Mit einem winzigen Einmann-Boot hatte er uns eingeholt und war wieder zugestiegen.

Der unplanmäßig längere Aufenthalt in Requena – wir mussten schließlich erneut ein taugliches Expeditionsboot mieten – sollte sich als glückliche Fügung herausstellen. Wir lernten nämlich einen Einheimischen namens Batman kennen, der uns ans Herz legte, seine kleine Kommune am Quebrada Torno, einem kleinen Seitenarm des Rio Tapiche, zu besuchen. Die Einwohner des aus sieben Familien bestehenden Dorfes „Buen Jesus de la Paz“ lebten ursprünglich wie die meisten Gemeinden im Amazonasbecken als Selbstversorger. Neben dem Fischen stellte die Jagd nach allem möglichen Getier, vor allem auch nach Primaten, eine wichtige Lebensgrundlage dar. Die Einwohner von „Buen Jesus de la Paz“ hatten jedoch bereits zum Zeitpunkt unseren Besuchs seit über einem halben Jahr die Jagd in ihren Wäldern gänzlich eingestellt und hielten sich unter anderem auch an Schonzeiten für bestimmte Fischarten. Des Weiteren haben sie sich in einem Naturschutzverein „Los Iwatzu“ organisiert und sind sogar autorisiert, Wilderer oder illegale Holzfäller aus ihrem Gebiet zu verweisen. Dieses Engagement ist für Dörfer des peruanischen Amazonasbeckens eine absolute Seltenheit.

Bethman Navarro Garcia zeigt seine Heimat

Bethman Navarro Garcia zeigt seine Heimat

Schon nach wenigen Tagen war klar, dass wir unser potentielles Projektgebiet gefunden hatten. Wir konnten zahlreiche Primatenarten, darunter den Roten Uakari, Wollaffen und Sakis direkt durch Beobachtungen nachweisen. Darüber hinaus trafen wir regelmäßig auf beide Arten von Flussdelfinen, Kaimane, Opossums, Ameisenbären, Aras, sogar eine große Gruppe der bedrohten Riesenotter begegnete uns. Letztere reagieren besonders sensibel auf anthropogenen Einfluss und stellen eine Indikatorart für ein intaktes Ökosystem dar.

DS13

Foto: Darja Slana

Das Gebiet zeichnet sich ferner durch eine große Diversität von verschiedensten Habitaten aus. So gibt es unter anderem Sumpf- und Trockenwälder, Terra Firme, das heißt auch bei höchsten Wasserständen nicht überschwemmte Wälder, und saisonal überflutete Wälder. In unmittelbarer Nähe des Dorfes mündet der Rio Blanco in den Rio Tapiche. Beide Flüsse stellen offenbar Barrieren für verschiedene Tierarten dar, so dass auf jeder Uferseite eine andere Zusammensetzung der Artengemeinschaft zu finden ist. Dies ist für einige Primaten bereits bestätigt (beispielsweise Tamarine und Totenkopfaffen). Mit dem Vorkommen von voraussichtlich über 17 verschiedenen Primatentaxa gehört dieses Gebiet somit zu den Gegenden mit der weltweit höchsten Primatendiversität auf kleinstem Raum. Damit ergibt sich am Zusammenfluss der beiden Flüsse die einmalige Möglichkeit für vergleichende ökologische oder verhaltensbiologische Studien an drei verschiedenen Artengemeinschaften im selben Habitat. Auch für phylogenetische und biogeographische Studien stellt dies eine einmalige Konstellation dar.

Neben den bereits durch die Einwohner eingeleiteten Naturschutzmaßnahmen, die sich bisher auf das Bewachen ihres Territoriums beschränken, stellte sich heraus, dass sie eine Vielzahl von Ideen zur Erschließung alternativer Einnahmequellen, wie beispielsweise Fischzucht, Anbau von Palmenfrüchten und Ähnliches, haben. Es fehlt ihnen bisher jedoch an Know-how und ihre Schutzmaßnahmen sind wegen fehlender Ausrüstung beschränkt.

In einer Vollversammlung beschloss das Dorf, gemeinsam mit uns zu versuchen, ein nachhaltiges Naturschutzprojekt am Rio Tapiche / Quebrada Torno umzusetzen. Daraufhin luden wir Batman, den Chef der „Los Iwatzu“, ein, mit uns nach Iquitos zu fahren, um dort Kontakte zu NGOs und lokalen Behörden aufzubauen und erste Sondierungsgespräche für mögliche Kooperationen zu führen. Später in Lima trafen wir mit der Dekanin der Biologischen Fakultät der Universität San Marcos und dem Kurator des Naturkundemuseums weitere potenzielle Unterstützer für unser Projekt. Auch auf Regierungsebene führten wir bereits erste Gespräche mit Vertretern des Umweltministeriums.

So reisten wir nicht nur mit dem erfolgreichen Auffinden eines potentiellen Projektgebietes, sondern auch mit einer Vielzahl von Empfehlungsschreiben und Kontakten zurück nach Deutschland.

Nach der Rückkehr nach Deutschland standen wir schnell vor der Frage wie sich die Vorraussetzungen für den Schutz des Gebietes schaffen lassen. Schnell war klar: man braucht eine Organisation, die Mittel beschaffen kann und Projekte federführend umsetzt. Chances for Nature war geboren. Im Dezember 2011 gründeten wir den Verein zum Schutz biologischer Vielfalt. Von Anfang an war dabei klar, dass der Verein offen für neue Projekte und Menschen sein soll, die sich für den Erhalt biologischer Vielfalt einsetzen möchten. Kurz darauf folgten daher bereits weitere Projekte in Madagaskar und Namibia. (abgeändert nach DPZ aktuell, Feb. 2012)